Ein Interview-

erschienen im Trust 212 (Anfang '07)

     

 

Nachdem ich es trotz aller Planungen nicht geschafft hatte zum ursprünglichen Interviewtermin vor dem Kobayashi-konzert am 29.06 in Köln zu kommen habe ich das Interview mit Micha (Gitarre), Peter (Gesang) und Rodrigo (Schlagzeug) jetzt per Internet mit einem Messengerprogramm nachgeholt.

Als ich euch das erste mal angeschrieben hab, sagtet ihr, dass es euch nervös machen würde Interviews zu geben und ihr deshalb nicht oft welche machen würdet. Als ich dann versucht hab, mich vorzubereiten, hab ich es nicht geschafft auch nur ein älteres Interview zu finden. Woran liegts?

Peter: Ich glaube wir wurden in den letzten 8 Jahren vielleicht 3-4x gefragt… Aber wie gesagt, wir sind ganz froh, dass wir recht selten in die Verlegenheit kommen.
Rodrigo: Das liegt daran dass es so gut wie keine Anfragen gibt.bzw. gab es mal einen Versuch vom mmr was aber an uns scheiterte

Die Frage war mehr in die Richtung gedacht, warum euch Interviews nervös machen, bzw. was daran.

Rodrigo: Keine Ahnung, gibt mir so ein bisschen das Gefühl als ob ich was zu sagen hätte. Ich bin kein Fan von im Rampenlicht zustehen. Wahrscheinlich habe ich mich deswegen schluss endlich für das Schlagzeug entschieden
Peter: Also ich finde den Gedanken irgendwie merkwürdig, irgendwo zu lesen, was ich zu bestimmten Dingen denke. Keine Ahnung warum. Es hat ja zB: auch ewig gedauert, bis ich mich auf der Bühne nicht mehr total deplaziert fühlte. Die ersten Konzerte hab ich mit Händen in den Taschen hinter der Gitarrenbox verbracht.
Aber mittlerweile habe ich auf jeden Fall meinen Spass bei Konzerten. Nicht, dass ich plötzlich drauf stehen würde im Rampenlicht zu stehen. Aber es gibt da schon nette Momente. Natürlich in der Regel eher vor oder nach Konzerten.

Aber ist Musik eigentlich nicht auch immer eine Form von Selbstdarstellung?

Rodrigo: Das ist ja unser Problem
Peter: Ist total absurd: Einerseits sag ich, dass es merkwürdig ist, meine Gedanken zu gewissen Dingen zu lesen, andererseits schreibe ich Texte, die wir in Booklets abdrucken und auf Konzerten verteilen. Vielleicht liegen die Vorbehalte gegenüber Interviews dann doch woanders begründet- nicht zu wissen, was da so an Fragen kommt…

Ihr habt Anfang dieses Jahres eine Tour durch Israel gemacht. Wie habt ihr die Tour so empfunden?

Rodrigo: War eine Riesenerfahrung für uns. Wahnsinnige Eindrücke. Super nette Leute kennen gelernt und trotzdem noch Zeit gehabt Touri und Kulturprogramm durchzuziehen
Peter: Also ganz abgesehen von der politischen Dimension: Ich fand es grossartig, diese ganze Woche lang an ein und demselben Ort gepennt zu haben und ständig mit denselben Leuten die Zeit verbracht zu haben. So drehten sich Gespräche dann eben nicht immer nur um die üblichen Oberflächlichkeiten. Nicht dass wir nun unaufhörlich tiefschürfende Gespräche geführt haben, aber man lernt sich eben ein bischen besser kennen, als wenn mensch um 18h bei irgendeinem Laden ankommt, mit den leuten was futtert, dann das übliche Programm abläuft (Soundcheck und so) und Mittags wieder abhaut. Da ergeben sich natürlich auch sehr nette Kontakte (die über die Jahre nicht selten zu Freundschaften werden), aber das dauert eben. Natürlich war die Zeit viiiel zu kurz. 1 Woche mit 4 Konzerten lässt wenig Raum.
Micha: Viele Sachen liefen sehr chaotisch, aber die Leute dort haben sich ziemlich den Arsch aufgerissen um es so gut wie möglich zu machen und haben sich sehr nett um uns gekümmert.
Rodrigo: Wir hatten 4 sehr unterschiedliche Auftritte. Den Ersten hatten wir in einer ehemaligen Sodafabrik, welche extra für diesen Abend besetzt wurde. Machen die dort öfter mal. Den 2´ten hatten wir in einer Schulaula, den 3´ten in einer Art Artium und den Letzten in einer Bar.
Micha: Es gab nie was zutrinken
Peter: Und wir haben so quasi von der Hand in den Mund gelebt- denn Kohle war das Dauerproblem, oder besser gesagt ist das Dauerproblem von der Schuldenmaschine Kobayashi, aber was soll´s.
Rodrigo: Was aber mitunter an unserer eigenen Fehlplannung bzw. Information lag.
Peter: Wir würden es gerne nochmal machen, aber das ist wohl in den nächsten Jahren nicht realistisch…

 

Der Konflikt Israel/Palästina oder aktuell Israel/Libanon wird in Deutschland in der Linken ja sehr stark und auch meistens in einer sehr dogmatischen Art und Weise diskutiert. Hat euer Israel Besuch euch in irgendwiefern neuen Input gegeben oder ist der Konflikt innerhalb der Szene dort nicht so beherrschend?

Rodrigo: Puh, als ob dass so einfach zu beantworten wäre. Na klar heben wir eine Menge Input dort gesammelt. Wir hatten eine Menge interessante Diskussionen.
Peter: Die Szene dort tendiert nach meinem Empfinden in weiten Teilen genauso zur Schwarz/ Weiss Malerei wie das die Leute hier tun. Aber es gibt auch da natürlich Ausnahmen, die sich um einen Austausch bemühen und weder unaufhörlich vom Terrorstaat Israel faseln und die Intifada als legitime Gegenwehr eines unterdrückten Volkes darstellen; noch die israelische Staatspolitik unhinterfragt unterstützen. Einige bemühen sich eben um einen Austausch. Aber so irre präsent fand ich politische Themen in der Szene offengestanden gar nicht. Das hatte ich tatsächlich anders erwartet.
Rodrigo: Die meisten Leute die wir dort getroffen hatten waren israelische Linke. Wir wurden an jedem Ort immer sofort angequatscht, ob wir nicht mit zu irgendwelchen Maueraktionen kommen wollen.
Peter: Ich nicht.

 

Als ich mir eure Homepage angeschaut hab, ist mir als erstes aufgefallen, dass es unter anderem auch eine laufend aktualisierte spanische Version gibt. Desweiteren habt ihr ja z.B. mit “vida y color” auch einen Songtext in castellano verfasst und seid schon öfter in Spanien getourt. Woher kommt diese Verbindung?

Peter: Daniel (der der Bass spielt) hat schon seit vielen Jahren sehr lebendige Kontakte nach Spanien (er macht ja auch ein Label, auf dem etliche spanische Bands erschienen sind). Ich habe auch insgesamt 1,5 Jahre in Barcelona gewohnt und so verbinden uns eben zahlreiche persönliche Kontakte und Freundschaften dorthin. Unsere erste Single ist ja auch von 3 spanischen Labels (oder waren´s 4?) auf Cassette rausgebracht worden. Und damit die Leute dort eben auch mal was von dem verstehen, was wir so von uns geben, gibt´s die Homepage eben auch auf spanisch (mit dem Englischen ist es dort ja bei vielen Leuten nicht weit her). Dass auf der ersten LP (und auf der kommenden wohl auch) ein Song auf spanisch ist, liegt halt daran, dass ich die Sprache spreche und es irgendwie langweilig finde, immer nur deutsch zu singen. Obwohl es mir nach wie vor am leichtesten fällt, deutsche Texte zu schreiben. Bin halt einfach gestrickt.Übrigens hat sich auch über Daniels Labelkontakte die Israeltour ergeben.


In eurer Bandhistory steht, dass euch “Subversion und Gegenkultur” wichtig sind. Glaubt ihr, dass es überhaupt möglich ist über eine Gegenkultur subversiv, also im revolutionären Sinne, auf die Gesellschaft einzuwirken oder meint ihr nicht, dass gerade sogenannte Gegenkulturen eher systemintegrierend funktionieren, da es sich so im Kapitalismus mit einem gefühlten und konsumierbaren Dagegensein einfach besser aushalten lässt?

Rodrigo: Ist ja keine Frage der Bequemlichkeit. Ich denke mal, dass wir an dem alten Motto festhalten uns Freiräume zu erkämpfen und diese auch weiterhin zu stützen. Inspiration, Kommunikation und Information sind die Schlüssel. Wer glaubt denn heute noch, dass die Revolution über Nacht kommt? Wer glaubt überhaupt noch an Revolutionen?
Peter: Den von dir zitierten Satz hat Martin geschrieben- der ist wegen seiner unerfüllten intellektuellen Anforderungen an uns dann auch letztes Jahr ausgestiegen :) Nee, im ernst: Ich bin da tatsächlich weitesgehend deiner Meinung: Keine Sau interessiert sich für Punkkonzerte (haben wir gerade auf der Tour wieder gemerkt :) ), geschweige denn, dass darüber irgendwelche Veränderungen angestossen werden würden. Aber: ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, wie ich mit 15 irgendwelche Slime-Songs nachgesungen habe und dann irgendwann auch mal angefangen habe, darüber nachzudenken; was ich da so gröhle. Ja, und dann war es halt nötig, auch mal zu der einen oder anderen Demo zu rennen, damit das Selbstbild nicht völlig in sich zusammenbricht. Insofern ist es natürlich so, wie du sagst: Es fühlt sich gut an, dagegen zu sein, solange es letztlich konsequenzenlos bleibt. Wenn ich mir vorstelle, wo die ganzen Deutschpunkbands stecken würden, wenn sich hier wirklich mal was täte…. Ich glaube aber eh nicht mehr an so was wie die Revolution- zumindest nicht in diesem Land hier. Um so wichtiger sind Freiräume wie soziale Zentren, wo man dann eben zumindest mal für einen Abend das “Schweinesystem” ein Stück weit aussperren kann. Aber die neuen Texte sind auch tatsächlich anders: immer noch politisch, aber Selbstzweifel kann man hier und da auch ganz gut ablesen.
Rodrigo: Yep, dem würde ich mich so mal anschliesen


Ok, vielleicht war revolutionär ein wenig hochgegriffen, aber ihr haltet Punk/HC Musik schon für ein probates Mittel der politischen Einflussnahme?

Rodrigo: Nun ja, wenn ich zurückdenke, hat mich schon Punkmusik politisiert..Eine kriminelle Ader hatte ich vorher schon. Also, so von wegen Regeln brechen und so.
Peter: Also ich sehe das mittlerweile eher so: Da mich nun mal derlei Dinge beschäftigen, schreibe ich Texte drüber. Wenn das dann dem einen oder anderen zu denken gibt (was ich bezweifle, denn was wirklich neues schreiben wir sicher auch nicht), dann wär das natürlich großartig. Und wenn sich der Eine oder die Andere auf die Schulter geklopft fühlt- auch schön. Politische Einflussnahme läuft aber sicher auf anderen Ebenen, die wir als Band nur durch Solikonzerte o.ä. unterstützen können. Oder indem wir eben auf Tour Infomaterial mitrnehmen. Aber die Illusionen, Kobayashi als politisches Projekt zu verstehen, habe ich offengestanden aufgegeben (obwohl ich schon sagen würde, dass wir eine politische Band sind)
Micha: Vielleicht kann man hier und da ja doch noch jemanden zum nachdenken anregen, bei mir hats damals funktioniert.
Rodrigo: Jau, das ist richtig. Ein gutes Buch vermittelt 1000x mehr als zehn gute Punk/HC bands.


In dem Text von "ibb ibb hurra" konnte ich mich als selbst in der Provinz geborener gut wiederfinden. Ist der Text autobiographisch?

Micha: Wir sind alle in der Provinz aufgewachsen, ich und Daniel sogar im Emsland.
Peter: Ich bin, wie gesagt, recht einfach gestrickt- ich würde gerne Texte wie Jens Rachut (Dackelblut etc.) schreiben, die Geschichten erzählen, aber letztlich hat von den Texten, die ich so schreibe, alles einen relativ unmittelbaren Bezug zu meinem Alltag. Ich bin halt in einem Kaff namens Ibbenbüren aufgewachsen. Das Motto von dem dortigen Stadtfest ist eben “Ibb Ibb Hurra”. Und der Text handelt eben genau von dem Gefühl, das ich habe, wenn ich dorthin fahre um meinen Pa zu besuchen- Fürchterlich, wie dort die ganzen Leute in meinem Alter aussehen- wie mein Vadder (obwohl- so scheisse sieht der garnicht aus) Da ist mensch echt froh, den Absprung “geschafft” zu haben. Komischerweise höre ich das nicht zum ersten Mal (dass sich Leute darin wiederfinden)- ich glaube ibb ibb hurra ist tatsächlich das einzige Lied, auf dessen Text ich mal angesprochen wurde (wenn ich mich recht entsinne- was wiederum nicht sehr wahrscheinlich ist…)


Ok, kommen wir schon zur finalen Frage:
Ihr wart gerade im Tonstudio neue Aufnahmen machen. Seid ihr zufrieden mit euren Aufnahmen und wann und wo wird das neue Album rauskommen?


Peter: Schon die Letzte? Schade. finde grad gefallen dran..
Micha: Ich bin ziemlich happy mit den Aufnahmen und auch die neuen Songs gefallen mir viel besser: Ist insgesamt ne runde Sache geworden. Wir sind aber noch nicht ganz fertig.
Rodrigo: Die Leute im Studio waren super. Technisches Know-how und dabei immer sehr motivierend. Die Aufnahmen selbst sind noch nicht ganz im Kasten. Haben erst den Rough Mix. Nächsten Donnerstag geht es weiter. Die Platte wird wahrscheinlich wieder eine Coproduktion von Tofugriller und ich weiss nicht von wem.
Micha: Erscheinen wird sie wahrscheinlich im November
Peter: Da wollen wir dann auch ne feine Party in Bremen machen- hat ja lang genug gedauert, bis wirs mal auf die Reihe bekommen haben, ne neue LP aufzunhemen.


Ok, dann danke fürs Interview und das letzte Wort überlass ich euch, wenn ihr noch was loswerden wollt.

Peter: Danke für dein Interesse und viel Spass noch in Berlin!
Rodrigo: Jau, danke und einen schönen Abend noch…

Interview: Niklas


 
   

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