Interview mit Cher, D.I.Y.-Punk Aktivistin in Singapore

Das Gute an meinem Job ist, dass ich dann und wann mal in Gegenden unterwegs bin, in die ich normalerweise kaum reisen würde, weil sie zum Urlaub machen nicht so richtig taugen. Im Juni 2009 war ich deswegen zum Beispiel in Singapur, einem Stadtstaat an der Südspitze Malaysias. Das Land hat den Ruf eines High-Tech Standortes, global bedeutsamen Handelszentrums und aseptischen Shopping Paradieses.
Zum Glück gibt es dort aber auch noch etwas anderes: Ich hatte das Glück, dass in den wenigen freien Tagen, die mir dort blieben, ein DIY Punk Konzert mit mehreren Bands stattfand. Dort habe ich einige sehr nette Leute getroffen und mit ihnen eine verflixt interessante Zeit verbracht. Eine der umtriebigsten Personen der dortigen Szene ist Cher, mit der ich mich Monate später endlich zum Telefoninterview verabredet habe.

So richtig gut vorbereitet habe ich mich nicht, also fange ich einfach mal direkt mit der wahrscheinlich blödesten Frage an: Kannst Du Dich bitte vorstellen und erzählen, in welchen Projekten du mitarbeitest?
Ich bin Cher aus Singapur und mache einen Fanzine-Vertrieb namens Polarity Press, bringe selbst ein eigenes Zine heraus und bin ausserdem verantwortlich für das Webportal www.lioncitydiy.proboards.com, wo es Infos über den musikalischen Underground in Singapur gibt. Ausserdem engagiere ich mich noch im “7x0x7x collective”. In Zusammenarbeit mit Zusammenhängen aus Malaysia, Indonesien, Thailand und den Phillipinen organisieren wir unkommerzielle D.I.Y. Touren für Bands die hierher kommen wollen. Und dann bin ich im Coathangers Revolt Collective dabei, zusammen mit einigen Feministinnen aus Kuala Lumpur. Wir haben beispielsweise Anfang des Jahres das DIY Femme Festival organisiert, in dessen Rahmen Konzerte, Workshops und eine Kunstausstellung stattfanden. Das wollen wir nun versuchen, jedes Jahr auf die Beine zu stellen.


Wieviele Konzertorte für D.I.Y. Konzerte gibt es denn in der Region? Wie lang kann man als Band hier normalerweise touren?
Die Hauptländer sind derzeit sicher Malaysia, Singapur und Indonesien. Aber es sind auch schon viele Bands auf die Phillipinen gefahren - dort ist die Szene älter und wird leider gelegentlich übersehen. In Thailand ist die Szene hingegen sehr jung, und es dominieren Streetpunk und Metal. Aber auch die D.I.Y. Punkszene dort wächst derzeit und es entwickelt sich recht vielversprechend. Ähnlich ist die Situation in Borneo. Kambodscha und Vietnam spielen allerdings keine Rolle- dort gibt es überhaupt keine Szene, soweit ich weiss.
Südostasien-Touren können zwischen zwei Wochen und einem Monat dauern, je nachdem wieviel Zeit und Geld die Band hat.

… weil man als Band aus Übersee zwangsläufig draufzahlt, wenn man in Südostasien tourt.
Ja. Das ist anders als in Europa, den USA oder Japan, wo man erwarten kann, seine Ausgaben wieder reinzuholen. Grund dafür ist vor allem der hiesige Mangel an selbstverwalteten Räumen, die wirtschaftliche Situation der Leute und der Wechselkurs.


Wie gross ist denn die Szene hier deiner Einschätzung nach und wieviele von den Leuten bringen sich wirklich aktiv ein?
Auf DIY Konzerten tauchen vielleicht 30 - 100 Leute auf, aber wirklich aktiv beteiligen tun sich nicht so wahnsinnig viele, die meisten haben auch eher eine Konsumhaltung dem ganzen gegenüber. Aber wenn man unter Aktivismus auch versteht, in einer Band zu spielen, dürfte der Anteil der Aktivist_innen grob geschätzt bei ca. 50% liegen.
75% der Bevölkerung in Singapur hat einen chinesischen Hintergrund, nur 13% sind Malayen. Gleichzeitig ist die Szene, über die wir hier sprechen, sehr von Malayen dominiert: Auf dem Konzert, auf dem ich vor einigen Monaten war, waren ca. 90% Malayen. Hast du irgendeine Erklärung für dieses Phänomen?
Ich selbst komme ja auch aus einer chinesischen Familie und habe mich das schon oft gefragt und auch mit Freund_innen schon häufig darüber gesprochen. Sicher bin ich mir da auch nicht, aber einer der Gründe liegt vielleicht in der gesellschaftlichen Vormachtstellung der Chinesen: Wie du schon sagst, stellen sie die überwiegende Mehrheit, und faktisch dominieren sie Singapur in jeglicher Hinsicht. Gleichzeitig gibt einen teilweise subtilen Rassismus gegenüber den Minderheiten. Und die priviligierte Mehrheit tendiert dann vielleicht nicht so sehr dazu, Wut und ein Bedürfnis nach Rebellion zu entwickeln. Vielleicht ist deswegen unsere alternative Subkultur hier eher attraktiv für gesellschaftliche Minderheiten.

Das ist ein interessanter Punkt, denn in Europa nehme ich das komplett umgekehrt wahr: Die Szene hier ist dominiert von männlichen, weissen Mittelklasse-Kids, Angehörige von sogenannten Minderheiten sieht man sehr selten.
Du warst ja auch schon desöfteren in Europa. Was sind aus Deiner Sicht die auffälligsten Unterschiede zwischen den Szenen?
Oh wow... das ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist da bei mir immer dieses Gefühl von mehr Freiheit wenn ich in Europa bin. Aber ich habe keine Ahnung, ob das ein rein individuelles, psychologisches Ding ist. Ich habe jedenfalls so verflucht lange in dieser erdrückenden, repressiven Gesellschaft gelebt, dass es immer ein befreiendes Gefühl ist, das Land zu verlassen. Das passiert allerdings nicht nur, wenn ich nach Europa reise. Es ist ähnlich wenn ich innerhalb Südostasiens herumfahre. Irgendwie fühle ich mich dann immer so, als würde ich nicht länger ständig beobachtet.
Und was die Unterschiede zwischen den Szenen angeht: Ich kann nicht sagen, inwieweit diese Unterschiede nicht eher allgemeine kulturelle Unterschiede sind, die man bei der Mehrheitsbevölkerung genauso feststellen kann. Zum Beispiel sind die Leute in Asien ein bisschen reservierter, aber das gilt generell. Deshalb glaube ich, dass bei den meisten Unterschiedlichkeiten die Zugehörigkeit zur DIY Szene garkeine Rolle spielt.


Welche Auswirkungen hat der direkte Austausch und persönliche Kontakt zur europäischen und US-amerikanischen Szene hier in Singapur?
Auf jeden Fall konfrontiert er die Leute hier mit neuen Bands, neuer Musik und neuen Ideen. Gleichzeitig können westliche Ideen aber auch problematisch werden, nämlich dann, wenn sie einfach nicht übertragbar sind. Das gilt beispielsweise für das im Westen angesagte “dumpster diving”. Du kannst in Singapur nicht in den Mülltonnen und Supermarktcontainern nach verwertbarem Essen suchen. Erstens verrottet das in diesem tropischen Klima innerhalb kürzester Zeit und zweitens sind die Supermarktcontainer meistens videoüberwacht.


Das Konzert, auf dem ich vor einigen Monaten war und wo wir uns kennengelernt haben, fand im Hinterzimmer eines Buch- und Plattenladens statt. Gibt es den Veranstaltungsraum noch und welche anderen Möglichkeiten gibt es in der Stadt? Wie sind die Bedingungen für unkommerzielle Konzerteranstaltungen in Singapur allgemein?
Die Mieten hier sind extrem hoch, und das macht es sehr schwierig, einen Ort für Konzerte zu finden, besonders wenn man Wert auf Selbstverwaltung und unkommerzielle Strukturen legt. Es passiert sehr oft, dass ein Konzertort sehr schnell nach seiner Öffnung schon wieder dichtmacht. Die Infrastruktur ist hier also sehr instabil. Aber der Ort, den du meinst, den “Crawlspace” gibt es noch- ja.

Die Leute dort haben mir erzählt, das Konzert sei eine illegale Veranstaltung, wie die meisten DIY Konzerte in Singapur. Hattet ihr deshalb schon Probleme mit den Staatsorganen?
Bis jetzt hatten wir keine ernstzunehmenden Probleme mit den Verfolgungsbehörden, sie lassen uns weitestgehend in Ruhe. Ich denke, sie betrachten uns nicht mal ansatzsweise als ernstzunehmende Bedrohung (lacht).


Welche Bands waren wichtig oder einflussreich für die lokale Szene hier?
Da wären so einige zu nennen, die es mittlerweile nicht mehr gibt wie z.B. Secret Seven, Recover, The Jhai Alai, 5ocial Integration und Kindread. Stomping Ground, My Precious und die Bloody Rejects sind Beispiele für alte Bands, die immer noch unterwegs sind. In den späten 1990er, frühen 2000er Jahren war die Szene hier sehr aktiv und unter dem Namen Lion City Hardcore recht bekannt, aber ich war in jener Zeit noch nicht dabei und weiss deswegen nicht so wirklich viel darüber. Aber was man so hört, war diese Zeit sehr wichtig und hat die Szene zu dem gemacht, was sie heute ist.
Sind Leute aus dieser Zeit heute noch dabei?
Nur sehr wenige. Die Durchlaufquote hier ist recht hoch. Die Szene ist geprägt von Kids die um die 20 Jahre alt sind, du wirst nur sehr selten ältere Leute treffen. Die sind längst ausgestiegen, verheiratet und haben kein Interesse mehr an unserer Subkultur. Mir schien die europäische Szene diesbezüglich anders zu sein- dort trifft man eher auch mal ältere Punks.


Wenn man europäische Reiseführer zu Singapur liest, ist die oft zuallererst genannte Besonderheit des Landes die totalitäre Politik und die rigiden Bußgelder. So kostet es hunderte von Dollars, seine Kippe einfach auf die Strasse zu werfen und Kaugummis waren lange Zeit komplett verboten. Auch heute bekommt man nur in Apotheken medizinische Kaugummis, beispielsweise zur Rauchentwöhnung. Graffittisprüher_innen müssen mit Prügelstrafen rechnen.
Ich war dementsprechend überrascht, dass die Staatsorgane im Strassenleben garnicht so massiv wahrnehmbar sind. In deutschen Grosstädten sieht man jedenfalls mehr Polizei in den Strassen als in Singapur. Dennoch kam es mir so vor, als sei die Gesellschaft sehr gleichförmig und geprägt von Gehorsam- man erntet schon irritierte Blicke, wenn man in der Metrostation anfängt zu rennen, um seine Bahn zu erwischen. Mir kam es so vor, als sei Individualität so ungefähr das letzte wonach die Leute in Singapur streben.
Würdest du dem zustimmen?
Ja.
Was bedeutet das für eine Punk-Szene, die sich selbst als antikapitalistisch und irgendwie ungehorsam versteht? Und zu welchen Konflikten führt das im Alltag? Die meisten der jungen Leute wohnen ja notgedrungen noch bei ihren Eltern...
Ich selbst habe da keine Probleme mit meinen Eltern, aber es gibt schon einige, die wegen ihres Engagements in der DIY Punk Szene zuhause Stress haben. Auch wenn das normalerweise nur als eine kurze Phase beurteilt wird, gibt es da doch diesen ständigen Druck, einen ordentlichen Job zu finden und ein geregeltes Leben zu führen. Diese Normen sind sehr fest in unseren Hinterköpfen verankert. Das ist wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass Leute oft nach recht kurzer Zeit der Szene den Rücken zukehren. Ich merke das ja auch ja auch noch immer bei mir selbst: Da ist einfach dieser Bulle in meinem Kopf, bewusst oder unbewusst. Es ist eine fortwährende Herausforderung, ihn abzuschütteln und loszuwerden.
Und würdest Du sagen, dass dieser “Bulle im Kopf” in den Köpfen der Leute in Singapur ausgeprägter ist als bei Europäer_innen?
Der Bulle in meinem eigenen Kopf ist definitiv ausgeprägter als der in den Köpfen von den US-Amerikaner_innen und Europäer_innen, die ich kennengelernt habe. Die soziale Konditionierung in Singapur ist äusserst effektiv, in Europa ist es viel verbreiteter, gewisse Grenzen auch mal zu überschreiten. Singapur war ein Ein-Parteien-Staat, über 40 Jahre lang, also mein gesamtes Leben (Ich bin 22). Die Regierungspartei hat es geschafft, das gesamte Land zu umspannen und auf sehr effektive Weise bestimmte Ideen und ihre eigene Autorität zu etablieren und in der Gesellschaft zu verankern.
Das war hier aber wahrscheinlich auch garnicht so schwierig, denn Singapur ist klein - eine Insel von 40x20km. Zudem gibt es keinerlei unabhängige Medien in Singapur, die Öffentlichkeit wird komplett von der Regierung und ihren Netzwerken kontrolliert.
Lee Kuan Yew ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Eliten ihren Einfluss sichern: Er war 31 Jahre lang Premierminister (bis 1990), hat dann den Posten an einen seiner Söhne weitergegeben und für sich selbst den neuen Posten des “Minister Mentor” geschaffen. Sein anderer Sohn ist Vorstandsvorsitzender des hiesigen Telekommunikationskonzerns und seine Schwiegertochter führt die Temasek Holdings, eine einflussreiche Investmentfirma.
Das Wort “Vetternwirtschaft” beschreibt dieses System wahrscheinlich am besten.


Du hast gesagt, es gibt keine unabhängigen Medien in Singapur. Gibt es denn sonstige nennenswerte politische oppositionelle Bewegungen oder Organisationen mit denen Du eventuell auch schon zusammengearbeitet hast?
Es gibt schon einige Nichtregierungsorganisationen die versuchen, hier Grenzen zu verschieben und Oppositionsarbeit leisten, allerdings nicht auf sehr radikale Weise. Die Gruppe “World without War” veranstaltet beispielsweise Filmvorführungen oder Bildungsveranstaltungen. Dann gibt es noch das “Underneath the Radar” Kollektiv - gute Freund_innen von mir, die ich auch schon bei der Organisation von Filmvorführungen oder Diskussionsveranstaltungen unterstützt habe. Diese Gruppen sind aber nicht etwa offen anarchistisch oder so, sie vertreten einen eher subtilen Politikstil. Eine FoodNotBombs Gruppe gab es auch mal, aber da tut sich nun schon länger nichts mehr- vor allem weil es an räumlichen Möglichkeiten mangelt.


Stehen in nächster Zeit Projekte an, auf die Du dich besonders freust?
Ich freue mich sehr darauf, endlich mal das Portal www.lioncitydiy.com fertigzustellen und zu einem übergreifenden “One-Stop Portal” zu machen, für die Singapurer DIY Szene und alle, die etwas darüber wissen wollen. Es wird einen Veranstaltungskalender geben und hoffentlich haufenweise Reviews, Interviews und Artikel von verschiedensten Leuten. Außerdem freue ich mich auf die Fertigstellung der neuen Nummer von “Two Seconds Notice”, meinem persönlichen Zine mit eigenen Kolummnen, kleinen Geschichten und Illustrationen.
Gutes Gelingen dabei und bei Deinen anderen Projekten! Und vielen Dank für das Interview.
Danke Dir.

Ich war auch 2010 noch einmal in Singapur und es war schön zu sehen, dass die Leute immer noch am Start waren, und die Szene sogar gewachsen zu sein schien. Es war ihnen gelungen, einen eigenen selbstverwalteten Laden zu mieten wo unkommerzielle Konzerte und Veranstaltungen stattfinden konnten, das Blackhole. Aufgrund der hohen Miete musste der Laden jedoch kürzlich schliessen. Derzeit finden Konzerte in der Substation statt. Für aktuelle Infos schaut am besten im Forum / messageboard unter www.lioncitydiy.proboards.com- daraus ist zwar noch immer nicht die umfangreiche Website geworden, die seuit Ewigfkeiten geplant ist, aber es iust definitiv die aktuelleste Informationsquelle zu DIY Punk auf der Insel. Und wenn ihr mal da seid, vergesst nicht, im Plattenladen Straits Records in Little India vorbeizugucken (49 Haji Lane, täglich geöffnet von 10-22h)- da trefft ihr eigentlich auch immer nette Leute.
Grüsst schön!

Interviewer: Peter

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